{"id":75,"date":"2018-01-21T09:27:48","date_gmt":"2018-01-21T09:27:48","guid":{"rendered":"http:\/\/baobab-verein.org\/?page_id=75"},"modified":"2018-01-21T09:27:48","modified_gmt":"2018-01-21T09:27:48","slug":"dezember-2006-januar-2007","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/baobab-verein.org\/?page_id=75","title":{"rendered":"Dezember 2006 \/ Januar 2007"},"content":{"rendered":"<p>Vom 1. Dezember bis zum 15. Januar sind in Namibia die Sommerferien, Kinderg\u00e4rten und Schulen sind geschlossen. Die meisten Kinder von Katutura verbringen diese Zeit bei Familienangeh\u00f6rigen in den landwirtschaftlichen Gebieten im Norden Namibias, denn der Familiensinn ist bei der schwarzen Bev\u00f6lkerung sehr ausgepr\u00e4gt, man legt gro\u00dfen Wert darauf, mit der ganzen Sippe verbunden zu bleiben und man trifft sich, wann immer es m\u00f6glich ist. Die Erwachsenen der Sippe legen gro\u00dfen Wert darauf, mit den Heranwachsenden und den Kindern der n\u00e4chsten Generation in einem Kontakt zu bleiben. Ein Kind gilt unter der schwarzen Bev\u00f6lkerung erst dann als Waise, wenn wirklich kein Blutsverwandter der Erwachsenengeneration mehr am Leben ist. Solange es noch wenigstens Geschwister oder erwachsene Nichten und Neffen der Mutter, oder Gro\u00dfeltern und deren Geschwister gibt, solange bleibt das Kind im Familienverbund, auch wenn das teilweise mit gro\u00dfen Schwierigkeiten verbunden ist, wie wir bei Ellie im Ebenacer-Kindergarten erleben mu\u00dften.<\/p>\n<p>Ellie wusste nicht mehr weiter: Anfang Januar tauchte bei ihr der Sohn ihrer Schwester auf, die Ende Dezember verstorben war. Der Vater des Kindes starb bereits im Juli 2006, beide Eltern starben an AIDS. der neunj\u00e4hrige Junge, ebenfalls HIV-positiv, wohnte zun\u00e4chst bei Nachbarn, wurde dann aber zu Ellie als einziger \u00fcberlebender Verwandten geschickt. F\u00fcr Ellie war klar, dass sie nun die Verantwortung f\u00fcr das Kind \u00fcbernehmen w\u00fcrde, deshalb wollte sie ihn auch sofort f\u00fcrs neue Schuljahr an einer Schule in Katutura anmelden. Das ging aber nicht, denn der Junge konnte kein Zeugnis vorlegen, er hatte keines bekommen. R\u00fccksprache mit der bisherigen Schule, die 300 Kilometer entfernt liegt, ergab, dass 2006 kein Schulgeld bezahlt wurde, weswegen auch kein Zeugnis ausgestellt wurde. Es musste also erst das Schulgeld f\u00fcr 2006 bezahlt werden, dann konnte das Zeugnis f\u00fcr 2006 erstellt werden, dann konnte die Anmeldung an der Windhoeker Schule erfolgen, wobei gleichzeitig das Schulgeld f\u00fcr 2007 beglichen werden musste. Dazu noch die Kosten des Buschtaxis nach Otjimbingwe und eine neue Schuluniform. Ellie hat im Dezember und Januar so gut wie keine Eink\u00fcnfte, zus\u00e4tzlich musste im Dezember das Wassergeld und das Schulgeld f\u00fcr die eigenen zwei Kinder bezahlt werden. Ellie war verst\u00e4ndlicherweise verzweifelt: 250 N$ f\u00fcr 2006, 250 N$ f\u00fcr 2007, 300 N$ f\u00fcr die Schuluniform, mindestens 100 N$ f\u00fcr Schulbedarf, mindestens 200 N$ f\u00fcr das Taxi &#8211; das ist das Doppelte von dem, was ihr Mann im Monat verdient, und zusammen mit dem, was Ellie mit dem Kindergarten erwirtschaftet, reicht das Geld gerade zum \u00dcberleben. Ellie war steinern vor Entsetzen, wu\u00dfte auch keinen Rat bez\u00fcglich der Zukunft, denn der Junge braucht regelm\u00e4\u00dfige medizinische Betreuung, die auch wieder Geld kostet. Wir konnten Ihr das Geld f\u00fcr diesen Moment geben und ihr aus unserer Erfahrung mit den Kinderg\u00e4rten heraus mit der Beantragung der Waisenrente helfen. Das zusammen nahm Ellie ihre Zukunftsangst. Sollte Sie bis April keinen Erfolg damit haben, werde ich mit ihr die verschiedenen Stellen durchlaufen. Dass der Junge HIV positiv ist, macht Ellie keine Probleme, sie hat viele solcher Kinder in der Gruppe. Im Ebenacer Kindergarten war sonst kein Betrieb vom 01. Dezember 2006 bis zum 15. Januar 2007. F\u00fcr den Kindergarten brauchte Ellie einige neue St\u00fchle, Papier war noch da, Scheren, Klebstoff, Kreiden und Farbstifte wurden erg\u00e4nzt. Ab 15. Januar l\u00e4uft auch wieder die Versorgung der Kindergartenkinder mit Essen \u00fcber den Gro\u00dfmarkt African Marketing in Windhoek, welcher die von mir per Fax monatlich bestellten Rationen, berechnet aus der Kinderzahl, auch ausliefern. Es gibt Maismehl und eine spezielle Suppe aus Soja, Vitaminen und Mineralstoffen. Au\u00dferdem Zucker und \u00d6l, manchmal auch Reis und Makkaroni. Die Bezahlung erfolgt \u00fcber ein Guthabenkonto, das ich bei jedem unserer Aufenthalte in Namibia kontrolliere und nach Bedarf auff\u00fclle. Die einzelnen Kinderg\u00e4rten sind nicht berechtigt, selber anzufordern, so habe ich die Gewi\u00dfheit, dass nur die wirklich ben\u00f6tigten Mengen geliefert werden.<\/p>\n<p>Marthas Morning Sun Kindergarten war nicht v\u00f6llig geschlossen. Sie hatte einen Notdienst eingerichtet f\u00fcr Kinder, deren Eltern auch w\u00e4hrend der Ferien arbeiten mussten, vor allem auch f\u00fcr S\u00e4uglinge und Kleinstkinder. Neun bis zw\u00f6lf Babys waren immer da, manchmal auch zwei bis drei gr\u00f6\u00dfere Kinder. Martha und ihre Helferinnen wechselten sich mit der Betreuung ab. Alle Babys waren sauber und zufrieden, sobald eines auch nur den geringsten Unmut zeigte, wurde es hochgenommen, getr\u00f6stet, versorgt &#8211; eine sehr wohltuende Atmosph\u00e4re, auch wenn es in diesem Kindergarten furchtbar heiss ist im Sommer, weil die R\u00e4ume viel zu niedrig sind und sich die Hitze staut. Aber die Toilette steht tats\u00e4chlich, sie ist gebrauchsfertig, inklusive Wassersp\u00fclung. Dass in diesem wasserarmen Land keine Stop-Taste an der Sp\u00fclung vorhanden ist, hat uns ziemlich aufgebracht. Der Grund daf\u00fcr sei, so sagte man uns, dass das Klo nicht verstopfe. Martha sagte, sie schicke zuerst alle M\u00e4dchen auf die Toilette, dann w\u00fcrde gesp\u00fclt, und dann die Jungs, so spare sie auch Wasser. Nachdem die Toilette jetzt steht, ist auch klar, dass das Kindergartengrundst\u00fcck vermessen und eingetragen ist, was bis jetzt ausstand. Nun k\u00f6nnen wir bei unserem n\u00e4chsten Aufenthalt bei der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde beantragen, dass das Kindergartengeb\u00e4ude umgebaut werden kann. Wir brauchen mehr H\u00f6he und ein gr\u00f6\u00dferes Klassenzimmer. Inzwischen gibt es Fertigbauteile aus einem isolierenden Stoff, statt des reinen Wellblechs, wir haben H\u00fctten gesehen, die daraus gebaut sind, wissen aber noch nichts \u00fcber die Preise, also auch nicht, ob wir uns das leisten k\u00f6nnen. Martha war bei unserem letzten Besuch nicht da, aus dem Kauderwelsch, den die Vertretung erz\u00e4hlte, konnten wir uns zusammen reimen, dass sie eine Totgeburt hatte und auf der Beerdigung ihres Babys war. Arme Martha!<\/p>\n<p>Der Kapps-Kindergarten war bis zum 15. Dezember in Betrieb, weil die Firma, in der die meisten Eltern arbeiten, erst dann schloss. Am 17. Dezember fand als Jahresabschluss dann die Weihnachtsfeier statt, bei der wir, gerade in Namibia angekommen, teilnahmen. Der gro\u00dfe Raum des Kindergartens, in dem auch drei bis vier mal w\u00f6chentlich Gottesdienste stattfinden, war festlich geschm\u00fcckt. Alle Eltern waren gekommen, \u00fcberall hingen Sterne, Lametta, jeder kam im Sonntagsstaat. Mit einem gemeinsamen Gebet wurde die Feier er\u00f6ffnet, dann wurde gesungen &#8211; ich verstand den Text nicht, weil sie in &#8222;Damara&#8220; sangen &#8211; es war aber ein wundersch\u00f6nes Lied, das immer wieder unterbrochen wurde, weil dazwischen die Kinder die Weihnachtsgeschichte aufsagten, jedes Kind einen Satz. Wenn das Kind fertig war, klatschten alle Eltern, dann wurde weitergesungen. Kinder und Eltern waren sehr stolz. Nach der Weihnachtsgeschichte kamen die neuen Erstkl\u00e4ssler an die Reihe. Statt Schult\u00fcten bekommen die Kinder in Namibia einen Hut, den die Erzieherinnen gebastelt haben. Stolz standen sie da, die Jungen und M\u00e4dchen. Und dann gab es f\u00fcr jedes Kind noch ein kleines Geschenk, ein Spielzeug, S\u00fc\u00dfigkeiten oder Farbstifte. Die Feier war sehr gut vorbereitet! Alle Achtung vor Angelika, unserer Erzieherin, und Veronika, die f\u00fcr die K\u00fcche, das Saubermachen und die Betreuung der Kleinsten zust\u00e4ndig ist. Friede, die dritte im Bunde, war nicht da. Sie war schon Anfang Dezember verschwunden, einfach so, wolte zu ihren Eltern in den Norden, wurde dann aber sp\u00e4ter in Katutura gesehen. Da sie von Anfang an nicht zuverl\u00e4ssig war, laut Aussagen von Eltern und Anwohnern auch gerne und oft Alkohol konsumierte, haben wir sie, als sie am 14.01., statt wie besprochen am 08.01., nicht erschienen war, entlassen.<\/p>\n<p>Am 29.12.2006 kam Claudia Frick in Windhoek an. Gemeinsam erlebten wir einen denkw\u00fcrdigen Jahreswechsel &#8211; andere L\u00e4nder, andere Sitten &#8211; und berieten in den folgenden Tagen \u00fcber die Situation der Kinderg\u00e4rten, m\u00f6gliche Verbesserungen und das weitere Vorgehen. Da Claudia Frick selbst Erzieherin und Kindergartenleiterin ist, konnte sie sehr viele Anregungen geben. Frau Frick spielte auch mit den Kindern, hat den Erzieherinnen Spiele gelernt, hat ihnen M\u00f6glichkeiten gezeigt, mit den Kindern mathematisch zu arbeiten und hat die Arbeitsmappen der Kinder begutachtet. Es war eine sch\u00f6ne und produktive Zeit f\u00fcr uns, leider konnte die dritte im Bunde &#8211; Doris Fitz &#8211; nicht mitkommen.<\/p>\n<p>Eine Woche vor Schulbeginn reiste Frau Frick wieder ab. Wir waren diesmal sicher, alles gut vorbereitet zu haben, die Schulpl\u00e4tze waren reserviert. Aber am laufenden Band kamen Eltern, die noch keinen Schulplatz gefunden hatten, die die Schulgeb\u00fchren nicht bezahlen konnten oder wollten.\u00a0 Die Kl\u00e4rung all dieser F\u00e4lle brauchte sehr viel Zeit. Zwei Gro\u00dfv\u00e4ter, deren Enkel verwaist sind, baten um Unterst\u00fctzung f\u00fcr zwei und drei Kinder, wie sie von ihren 300 N$ Rente das Schulgeld nicht bezahlen konnten. Dazwischen mussten wir vier Kinder in das Blouwkrans-Internat bringen, dieses ist etwa 80 Kilometer entfernt. Wir hatten dort im April Matratzen abgeliefert, damit die Kinder nicht auf dem nackten Boden schlafen m\u00fcssen, aber nicht recht an die Geschichte geglaubt, dass die Stockbetten &#8211; ohne Matratzen &#8211; schon im Lager stehen w\u00fcrden. In den ehemals leeren R\u00e4umen, frisch renoviert, stehen jetzt Stockbetten! Jedes Kind hat jetzt ein eigenes Bett mit Matratze zum Schlafen.<\/p>\n<p>Der Aris-Kindergarten macht keine Probleme. Da er unter der Oberaufsicht der Schulleitung von Aris steht, und die Hausmutter des Internats dort eine sehr t\u00fcchtige Frau ist, bekommen wir zwar eine Liste der ben\u00f6tigten Arbeitsmaterialien, aber man kommt dort ohne unsere Anwesenheit zweimal in der Woche aus.<\/p>\n<p>Was uns immer wieder zu schaffen macht sind die pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nde der Leute, mit denen wir zu tun haben. Nehmen wir Angelika, die den Kapps-Kindergarten vorz\u00fcglich leitet. Sie hat zwei Kinder, ein M\u00e4dchen mit acht und einen Jungen mit drei Jahren. Einst wohnte sie neben dem Kindergarten, aber ihr Mann wurde gek\u00fcndigt, die Familie verlor ihr Wohnrecht dort. Nun wohnt sie 30 Kilometer entfernt, in einer Wellblechh\u00fctte zusammen mit ihrer Schwester und kommt jeden Tag die halbe Strecke per Taxi, die halbe Strecke per Tramp, zur Arbeit. Ihr Mann hat sie verlassen, sie ist mit den Kindern auf sich allein gestellt. Sie verdient im Monat 1200 N$, davon gehen 600 N$ f\u00fcr die Fahrt zur Arbeit drauf. Sie hat also wenig Geld zur Verf\u00fcgung, andererseits m\u00fcssen viele Familien dort mit 600 N$ pro Monat auskommen &#8211; 600 N$ entsprechen vom Kaufwert her etwa 150 Euro! Sie fr\u00e4gt oft um Vorschuss &#8211; wobei ihr der dann in der n\u00e4chsten Woche fehlen w\u00fcrde. Nun ist ihr Gro\u00dfvater gestorben, laut dem Sippengesetz muss sie einen Anteil am Sarg und der Beerdigung bezahlen. Au\u00dferdem muss sie samt Sarg 500 Kilometer mit dem Bus fahren, der Anteil am Sarg kostet 150 N$, die Fahrt hin und zur\u00fcck ebenso 150 N$. Ist das ihr Problem, oder m\u00fcssen wir helfen?<br \/>\nEin anderes Beispiel ist der Vater, der mit seinen vier Buben in Katutura lebt. Drei davon sind seine eigenen. Seine Frau hat ihn nach der Geburt des J\u00fcngsten, der jetzt vier Jahre alt ist, verlassen. Den Kleinsten, der etwa drei Jahre alt ist, hat er zu sich genommen, weil er von seinen Eltern vernachl\u00e4ssigt, geschlagen und eingesperrt worden ist. Der Vater arbeitet nachts als Wachmann und k\u00fcmmert sich tags\u00fcber um die Kinder. Eigentlich sollte er pro Monat 800 N$ f\u00fcr seine Arbeit erhalten, in der Realit\u00e4t sieht es so aus, dass die Firma selber kein Geld hat und ihm deshalb mal 300 N$, mal 400 N$ bezahlt, aber nie das volle Gehalt. Im Dezember 2006 hatte er noch gar nichts bekommen. Er hat sich schon mehrmals an die Telefonseelsorge gewandt, weil er nicht mehr weiter wusste und sich und die Kinder umbringen wollte. Eine andere Arbeit fand er auch nicht. Letztes Jahr war auch seine Mutter gestorben, womit die 300 N$ Rente, die sie bekam, auch noch vom Familieneinkommen wegfielen. Wasser und Strom hatte er schon lange nicht mehr bezahlt. Trotz aller Knappheit hat er es geschafft, 450 N$ zur Seite zu legen, um das Schulgeld der drei \u00e4ltesten Buben zu bezahlen. Er braucht aber 800 N$ daf\u00fcr, und zus\u00e4tzlich eine Schuluniform f\u00fcr den siebenj\u00e4hrigen Schulanf\u00e4nger. Zu allem hin haben die zwei \u00c4ltesten noch die Masern und m\u00fcssen im Hospital bleiben. Dies kostet auch wieder 170 N$. K\u00f6nnen wir ihm die Hilfe verweigern, nur weil auf unserem Stempel steht: &#8222;Kinderg\u00e4rten in Namibia&#8220;?<\/p>\n<p>Wir begegnen viel menschlicher Not in Namibia, und vielen Vorurteilen den Schwarzen gegen\u00fcber. Immer wieder sind Entscheidungen notwendig, die wir vor allen Spendern vertreten k\u00f6nnen m\u00fcssen. Wir versuchen, Not dort zu lindern, wo sie uns begegnet, an Ort und Stelle, oft nicht sofort, weil wir uns \u00fcberlegen, ob wir dies vor unserern Spendern &#8211; Ihnen &#8211; begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Wir hoffen auf ihr Vertrauen und versichern Ihnen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen mit Ihren Spenden umgehen!<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 1. Dezember bis zum 15. Januar sind in Namibia die Sommerferien, Kinderg\u00e4rten und Schulen sind geschlossen. 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